Die Völler-Wutrede vom 6. September 2003
Rudi
Völler zeigte sich nach dem dürftigen 0:0 gegen Island
am 6. September 2003 sehr verschnupft. München/Reikjavik -
Rudi Völler
hatte erstmals seine Contenance verloren. Nach dem 0:0 in Island
nahm der DFB-Teamchef kein Blatt vor dem Mund und kritisierte im
Gespräch mit ARD-Reporter Waldemar Hartmann offen die seiner
Meinung nach unfaire Berichterstattung über die Nationalmannschaft.
Das Interview im Wortlaut:
ARD : Herr Völler,
stellen Sie sich nach so einem Spiel schützend vor die Mannschaft,
weil sie sie am Mittwoch noch brauchen. Oder wollen Sie sie aufrütteln?
Rudi
Völler: Beides. Ich wurde nach dem Spiel gegen die Färöer
belächelt, weil ich die Mannschaft in Schutz genommen habe.
Das ist heute schwer möglich, weil wir besonders in der zweiten
Halbzeit viel zu behäbig gespielt haben. In der ersten Hälfte
hatten wir die Isländer noch ganz gut im Griff und haben uns
auch die ein oder andere Torchance erarbeitet. In der zweiten Halbzeit
kamen zu wenige Impulse aus dem Mittelfeld, im Sturm konnten wir
uns kaum durchsetzen. Und wir haben uns eindeutig zu wenig bewegt.
Am Mittwoch dürfen nur Spieler auflaufen, die mir versprechen,
dass sie hundertprozentig für die Mannschaft arbeiten.
Frage: Wie soll das Problem behoben werden, dass die deutsche Elf
so wenige Tore schießt?
Völler:
Daran müssen wir arbeiten. Kevin
Kuranyi hat seine Sache in der zweiten Hälfte ganz gut
gemacht. Aber grundsätzlich ist es natürlich richtig,
dass wir zu wenig Tore machen. Aber ich muss zur Berichterstattung
einfach mal sagen, dass es eine Sauerei ist, was Günter Netzer
und vor allem Gerhard Delling da so von sich geben. Ich kritisiere
die Mannschaft, aber ich muss sie da natürlich auch in Schutz
nehmen.
Frage: Was genau meinen Sie?
Völler:
Das dauernde Gerede vom erreichten Tiefpunkt, dann noch mal einem.
Und dann noch einem niedrigeren Tiefpunkt. Ich kann diesen Scheißdreck
nicht mehr hören. Ich weiß nicht, woher die beiden das
Recht nehmen, so etwas zu sagen. Das verstehe ich nicht. Und der
Satz, die Samstagabend-Unterhaltung werde immer schlechter... Dann
soll der Herr Delling doch Samstagabend-Unterhaltung machen und
keinen Sport, keinen Fußball. Dann soll er bei "Wetten
dass" den Gottschalk ablösen. Diese Berichterstattung
ist für mich das allerletzte. Sonst ist es das Beste, dass
ich den Beruf wechsele.
Frage: Suchen Sie sich da nicht den falschen Adressaten für
Ihre Kritik aus?
Völler:
Nein, ich suche mir genau den richtigen aus. Ich sitze hier seit
drei Jahren und muss mir diesen Schwachsinn immer anhören.
Frage: Aber der Ansprechpartner für Ihre Kritik muss doch
die Mannschaft sein.
Völler:
Die bekommt auch ihr Fett weg. Aber ich kann diesen Käse nach
jedem Spiel von wegen Tiefpunkt nicht mehr hören. Wir haben
heute beim Tabellenführer 0:0 gespielt. Das ist für unsere
Ansprüche sicherlich ein bisschen wenig. Wir sind Vize-Weltmeister,
da muss ein bisschen mehr kommen. Aber dann dieser Scheiß,
der da immer gelabert wird... Wir sollten uns Gedanken machen, ob
wir so weitermachen können. Es ist das allerletzte, immer alles
in den Dreck zu ziehen. Ich lasse mir das nicht mehr so lange gefallen.
Frage: Aber wir müssten doch als Vize-Weltmeister
eine Mannschaft wie die Isländer klar beherrschen.
Völler:
Wieso denn? Die Isländer sind Tabellenführer, oder etwa
nicht? Warum sollten wir den auswärts klar beherrschen? In
welcher Welt lebt ihr denn alle? Ich habe doch die Mannschaft kritisiert
und werde am Mittwoch nur die Leute aufstellen, die sich den Arsch
aufreißen. Aber ihr müsst doch mal von euerem hohen Ross
herunter kommen. Was ihr euch immer alle einbildet, was für
einen Fußball wir in Deutschland spielen müssen... Was
die Mannschaft um Günter Netzer früher gespielt hat, konnte
man sich doch gar nicht anschauen. Das war doch Standfußball.
Frage: Ich kann jetzt nicht verstehen, warum da die Schärfe
rein kommt.
Völler: Die Schärfe bringt ihr doch rein. Müssen
wir uns denn alles gefallen lassen?
Frage: Ich habe doch jetzt keine Schärfe hinein gebracht.
Völler:
Du nicht. Du sitzt hier auf deinem Stuhl und hast drei Weizenbier
getrunken und bist schön locker.
Frage: Also in Island gibt es kein Weizenbier,
ich bin auch kein Weizenbiertrinker. Ich weiß nicht, ob wir
in diesem Stil weitermachen wollen. Aber jetzt sollen Mittwoch Leute
spielen, die sich den Arsch aufreißen. Warum haben die heute
das denn nicht getan?
Völler:
Es ist natürlich auch ein Gegner auf dem Platz. Und natürlich
war das von dem ein oder anderen auch nicht so, wie ich mir das
vorgestellt hatte. In der Halbzeit habe ich auch gesagt, wir müssen
noch einen Tick mehr bringen, aber es wurde dann eher weniger. Aber
ich verstehe nicht dieses hohe Ross. Natürlich müssen
wir hier normalerweise etwas besser spielen. Aber es kann doch keiner
von uns verlangen, dass wir hier herfahren und die Isländer
5:0 wegputzen. Unsere Situation hat sich durch das 0:0 nicht so
sehr geändert. Wir müssen immer noch die Schotten schlagen.
Und das mit dem Weizenbier tut mir Leid. Entschuldigung, das habe
ich nicht so gemeint. Alles andere habe ich so gemeint, wie ich
es gesagt habe.
München - Nach einer kurzen Schalte zurück
zu den ARD-Experten Günter Netzer und Gerhard Delling bekam
DFB-Teamchef Rudi
Völler noch einmal die Gelegenheit, auf deren Analyse des
torlosen Unentschiedens in Island im Gespräch mit Waldemar
Hartmann Bezug zu nehmen.
Dabei deutete er an, dass er auch bereit wäre,
persönliche Konsequenzen zu ziehen, wenn die Berichterstattung
nicht an Schärfe abnehme. Die Rücktrittsdrohung relativierte
er allerdings in der anschließenden Pressekonferenz.
Frage: Nach dem Spiel steht ein Teamchef unter
Hochspannung. Das war bei Berti
Vogts nicht anders. Ist diese Auseinandersetzung auch ein Zeichen
dafür, dass du richtig sauer auch auf die Leistung dieser Mannschaft
warst.
Rudi
Völler: Vielleicht habe ich in meinen Worten etwas überzogen.
Günter Netzer hat ja mit dem ein oder anderen, was er gesagt
hat, auch Recht. Aber trotzdem gehören sich gewisse Dinge nicht.
Ich bin auch keiner wie Erich Ribbeck oder Berti
Vogts, die jahrelang an ihrem Stuhl festgeklebt sind, egal was
die Journalisten geschrieben oder ihr im Fernsehen gesagt habt.
Das ist es mir nicht wert. Ich versuche, mein Bestes zu geben, damit
wir erfolgreichen und schönen Fußball spielen. Das gelingt
uns nicht immer. Manchmal - wie heute - sieht es auch mal ein bisschen
schlechter aus.Wenn Günter Netzer sagt, sie hätten früher
auch mal ein schlechtes Spiel gemacht, aber danach zehn überragende...
Die zehn überragenden Spiele hätte ich früher gerne
mal gesehen. Da muss man weit zurück gehen. Das muss noch vor
dem zweiten Weltkrieg gewesen sein. Aber, Spaß beiseite. Ich
finde, dass viel zu hart berichtet wird. Hin und wieder muss Kritik
sein und heute ist sie ja auch angebracht. Nur gibt es gewisse Kommentare...
Ich komme hierher und bin eh schon sauer auf die Mannschaft und
muss dann noch den Herrn Delling hören. Ich kann es nicht akzeptieren,
so extrem negativ zu sein. Ich könnte mich ja auch locker zurücklehnen,
Herr Hartmann, und sagen. Mich kritisiert ja keiner, sondern nur
die Mannschaft. Aber dann wäre ich am falschen Platze. Dann
müsste ich mir einen neuen Beruf suchen. Ich muss die Mannschaft
auch manchmal in Schutz nehmen. Aber diese Aussagen sind für
mich eine absolute Sauerei. Ich weiß, irgendwann bekomme ich
selbst auch wieder auf die Nuss, aber das kann ich ab. Ich brauche
nicht, dass alle "Rudi, Rudi" schreien und "Du bist
der Größte und der Schönste". Das will ich
gar nicht. Ich will nur, dass ordentlich berichtet wird.
Auf der anschließenden Pressekonferenz setzte
der Teamchef seine Kritik an den Kritikern fort.
Völler: "Das ist so ein bisschen ein
Ausbruch von mir gewesen, das lag mir schon lange auf der Seele.
Es war Pech für Delling/Netzer, dass die Beiden es gerade waren.
Das ist doch schon lange so im deutschen Fußball, das geht
doch gar nicht so sehr nur um die deutsche Nationalmannschaft. Alle
Gurus, diese Ex-Gurus, die irgendwann mal Fußball gespielt
haben. Ob's der Kaiser
(Franz
Beckenbauer, die Red.) ist, den ich ja mag, der ja mein Trainer
war, der mich nicht kritisieren würde. Der aber öfter
in seinen Aussagen absolut überzieht, ob es bei Bayern ist
oder bei uns. Und der Günter ja auch, und der Breitner
auch.
Natürlich sind sie Fußball-Experten.
Aber es gibt bei uns im Moment in Deutschland eine Steilkurve nach
oben, diese Häme, diese Kritik, gerade von Ex-Trainer oder
Spielern, die früher große Karrieren hatten. Natürlich
müssen sie ihren Lebensunterhalt verdienen, da habe ich absolutes
Verständnis dafür. Aber ich finde es eben total überzogen.
Frage: Kann man das als Rücktrittsdrohung verstehen?
Völler: Nein, nein. Ich musste das jetzt mal
loswerden, bevor ich Magengeschwüre kriege.
|